Sichere Mutterschaft

 

MATERNAL AND NEWBORN HEALTH/SAFE MOTHERHOOD

UNIT FAMILY AND REPRODUCTIVE HEALTH

WORLD HEALTH ORGANIZATION GENEVA


Sichere Mutterschaft (WHO)


Betreuung der normalen Schwangerschaft: Ein praktischer Leitfaden


Dieser Leitfaden wurde von einer Arbeitsgruppe der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erarbeitet und 1996 in Genf als Empfehlung herausgegeben. Die auch für Europa gültigen Empfehlungen entsprechen den Vorstellungen des AKF von einer salutogenetischen Geburtshilfe zur Vermeidung der in Deutschland weit verbreiteten Über-, Unter- und Fehlversorgung und sollen als Orientierung dienen. In der hier wiedergegebenen Kurzfassung finden Sie das 6. Kapitel der Langfassung, in dem die Maßnahmen bei normalen Geburten in vier Kategorien unterteilt sind. Die angegebenen Zahlen in Klammern beziehen sich auf die entsprechenden Kapitel der Langfassung.



Kategorie A: 6.1 Maßnahmen, die nachgewiesenermaßen nützlich sind und gefördert werden sollten


  1. Ein individuelles Konzept, wo und von wem die Geburt betreut werden soll, welches gemeinsam mit der Frau in der Schwangerschaft erarbeitet und ihrem Partner oder Ehemann, und, falls sinnvoll, auch der Familie vermittelt wird. (1.3)

  2. Erhebung des Risikos im Rahmen der Schwangerenvorsorge und bei jedem Kontakt mit dem Gesundheitssystem, ebenso beim ersten Kontakt mit der geburtsbegleitenden Fachperson und im weiteren Geburtsverlauf. (1.3)

  3. Beobachtung des physischen und emotionalen Wohlbefindens im Geburtsverlauf und danach. (2.1)

  4. Anbieten von Getränken während der Geburt. (2.3)

  5. Respektieren der informierten Entscheidung einer Frau, an welchem Ort sie gebären möchte. (2.4)

  6. Geburtshilfe auf der periphärsten Ebene, auf der eine angemessene Betreuung gewährleistet ist, so dass die Frau sich sicher und geborgen fühlt. (2.4, 2.5)

  7. Respektieren der Privatsphäre der Gebärenden am Ort der Geburt. (2.5)

  8. Empathische Unterstützung durch die Betreuungspersonen während der Geburt. (2.5)

  9. Die Wahl der Frau respektieren, welche Personen sie bei der Geburt begleiten sollen. (2.5)

  10. Übermittlung von Informationen und Erklärungen in dem von der Frau gewünschten Maß. (2.5)

  11. Nichtinvasive, nichtpharmakologische Methoden der Schmerzerleichterung unter der Geburt wie Massagen und Entspannungstechniken. (2.6)

  12. Überwachung des Feten durch intermittierende Auskultation. (2.7)

  13. Einmaliger Gebrauch von Verbrauchsmaterialien und ordentliche Dekontaminierung wiederverwendbarer Artikel während der Geburt. (2.8)

  14. Gebrauch von Handschuhen bei vaginalen Untersuchungen, während der Geburt und der Versorgung der Plazenta. (2.8)

  15. Freie Wahl der Körperposition und Bewegungsfreiheit während der Geburt. (3.2)

  16. Unterstützung der Frau, während der Wehen nicht die Rückenlage einzunehmen. (3.2, 4.6)

  17. Sorgfältige Überwachung des Geburtsfortschritts, beispielsweise durch den Einsatz des WHO-Partographen. (3.4)

  18. Prophylaktische Oxytocingaben in der Plazentarphase bei Frauen mit erhöhtem postpartalen Blutungsrisiko, und bei Frauen, deren Gesundheit bereits durch geringeren Blutverlust gefährdet ist. (5.2, 5.4)

  19. Sterile Bedingungen beim Durchtrennen der Nabelschnur. (5.6)

  20. Vermeidung einer Hypothermie des Neugeborenen. (5.6)

  21. Früher Hautkontakt zwischen Mutter und Kind und Unterstützung des ersten Anlegens innerhalb der ersten Lebensstunde entsprechend den WHO Stillrichtlinien. (5.6)

  22. Die routinemäßige Untersuchung der Plazenta und Eihäute. (5.7)



Kategorie B: 6.2 Maßnahmen, die eindeutig schädlich oder ineffektiv sind, und abgeschafft werden sollten


  1. Darmeinlauf als Routinemaßnahme. (2.2)

  2. Routinemäßige Rasur der Schamhaare. (2.2)

  3. Routinemäßiger Einsatz intravenöser Infusionen während der Geburt. (2.3)

  4. Prophylaktisches Legen einer intravenösen Verweilkanüle als Routinemaßnahme. (2.3)

  5. Routinemäßiges Einnehmen der Rückenlage bei der Geburt. (3.2, 4.6)

  6. Rektale Untersuchungen (3.3)

  7. Einsatz röntgenologischer Beckenmessung. (3.4)

  8. Verabreichung von Wehenmitteln zu jedem Zeitpunkt vor der Geburt des Kindes ohne die Möglichkeit, deren Wirkung zu beeinflussen. (3.5)

  9. Routinemäßiges Einnehmen der Steinschnittlage mit oder ohne Beinhalter bei der Geburt. (4.6)

  10. Ausdauerndes, zielgerichtetes Pressen (Valsalva, „Powerpressen") in der Austreibungsphase. (4.4)

  11. Massagen und Dehnung des Dammgewebes während der Austreibungsphase. (4.7)

  12. Orale Ergometringaben in der Plazentarphase zur Prophylaxe oder Therapie verstärkter Blutungen. (5.2, 5.4)

  13. Routinemäßige parenterale Gabe von Ergometrin in der Plazentarphase. (5.2)

  14. Routinemäßige Uterusspülung post partum. (5.7)

  15. Routinemäßige Uterusrevision (manuelle Exploration) post partum. (5.7)



Kategorie C: 6.3 Maßnahmen, die bislang noch nicht ausreichend erforscht sind, um eindeutige Empfehlungen aussprechen zu können, und deshalb mit Vorsicht angewandt werden sollten, bis weitere Forschung den Sachverhalt klären kann


  1. Nichtpharmakologische Methoden der Schmerzerleichterung während der Geburt wie Kräuteranwendungen, Bäder und Nervenstimulation. (2.6)

  2. Routinemäßige frühe Amniotomie in der Eröffnungsphase. (3.5)

  3. Fundusdruck bei der Geburt ("Kristellerhilfe"). (4.4)

  4. Handgriffe zum Schutz des Dammgewebes und zur Führung des Köpfchens beim Kopfdurchtritt. (4.7)

  5. Aktive Entwicklung des Körpers bei dessen Geburt. (4.7)

  6. Routinemäßige Oxytocingaben, kontrollierter Zug an der Nabelschnur oder eine Kombination dieser Maßnahmen in der Plazentarphase. (5.2, 5.3, 5.4)

  7. Frühes Abnabeln. (5.5) 8.

  8. Brustwarzenstimulation zur Verstärkung der Uteruskontraktionen während der Plazentarphase. (5.6)



Kategorie D: 6.4 Maßnahmen, die häufig unangemessen angewandt werden


  1. Einschränkung von Essen und Trinken während der Geburt. (2.3)

  2. Schmerzerleichterung durch systemisch wirksame Mittel. (2.6)

  3. Schmerzerleichterung durch Periduralanästhesie. (2.6)

  4. Elektronische Überwachung des Kindes. (2.7)

  5. Tragen von Masken und sterilen Kitteln bei der Betreuung der Geburt. (2.8)

  6. Wiederholte oder häufige vaginale Untersuchungen, insbesondere durch mehrere Betreuungspersonen. (3.3)

  7. Wehenunterstützung (3.5)

  8. Routinemäßige Verlegung der Gebärenden in einen anderen Raum zum Beginn der Austreibungsphase. (4.2)

  9. Katheterisieren der Harnblase. (4.3)

  10. Anleitung der Frau zum Pressen, nachdem die vollständige oder fast vollständige Eröffnung des Muttermundes diagnostiziert worden ist, bevor die Frau selbst den Drang zum Mitschieben verspürt. (4.3)

  11. Rigides Festhalten an einer künstlich festgelegten Dauer der Austreibungsphase von beispielsweise einer Stunde, wenn es Mutter und Kind gut geht und ein Geburtsfortschritt feststellbar ist. (4.5)

  12. Operative Geburten (4.5)

  13. Großzügiger oder routinemäßiger Einsatz von Episiotomien. (4.7)

  14. Manuelle Nachtastung des Uterus nach der Geburt. (5.7)



Gesamttext: http://apps.who.int/iris/bitstream/10665/63167/4/WHO_FRH_MSM_96.24_ger.pdf